Buchhandlung SeitenBlick
 
 
 
 
 
 
 
Aus dem Buchhändler-Leben

Vom Bücherschrank zum Bücherkauf








 





 
 
 
 
Sie haben vor ihrem Haus jetzt einen Bücherschrank aufgestellt, in den Bewohner und Besucher Bücher hinein, bzw. aus dem sie Bücher heraus nehmen könnten. Ihre Frage war, ob ich das als Buchhändler gut fände oder das vielleicht als schädlich empfinden würde. Ich meinte in ihrer Frage auch die Sorge mitschwingen zu hören, dass sie an etwas beteiligt sein könnte, dass uns irgendwie nachteilig sein oder zumindest von uns als nachteilig empfunden würde. Ich überlegte kurz, erinnerte mich daran, dass auch ich mich schon in öffentlich zugänglichen Bücherregalen umgetan, bedient und dies sehr genossen hatte – und erwiderte ihr zunächst, nicht ohne Großmut, aber auch nicht frei von Überzeugung, dass es in beiden Fällen ja darum ginge, Bücher in Umlauf zu bringen. Vom Ort, wo sie „liegen“ und „stehen“, verkauft, einfach mitgenommen oder ausgeliehen werden können, dorthin, wo ein Lesender sie sich seiner Gedanken, Bilder- oder Traumwelt anverwandelt – um sie so vielleicht auch wieder weiter zu geben.

        
Was aber, wenn ich mich allein auf die kaufmännische Frage konzentriere, ob jemand, der so auf ein Buch gestoßen ist, mir als Buchkäufer verloren gehen kann? Angenommen, es bestünde eine nicht zu vernachlässigende Schnittmenge von Menschen, die sowohl in solchen bunten Bücherkisten wühlen, als auch gerne Buchhandlungen aufsuchen. Dann würde das natürlich schon bedeuten, dass die Lesezeit, die jemand mit einem solcherart gefundenen Buch verbringt, nicht frei wird für ein aus der Buchhandlung stammendes Buch. Wobei der Käufer- und Lesertyp, der kein Buch kauft, solange er ein Buch liest, wahrscheinlich nicht die Mehrheit bildet. Echte Buchkäufer, wenn diese Wahrheitvon zeitlosem Wert hier gestattet ist, kaufen ja ein Buch – von der unmittelbaren Geschenkverwertung sehen wir einmal ab – um es dereinst, also irgendwann zu lesen, keineswegs und unbedingt sogleich.



             

Aber, um den obigen Gedanken wieder aufzunehmen, selbst wenn unser Bücherschrankbuchleser zunächst kostbare Buchhandelsbuchlesezeit zu verlieren scheint – es ist doch nicht ausgeschlossen, dass er auf diese Weise auf einen Autor oder eine Autorin oder ein Thema aufmerksam wurde, von dem und der er gerne noch mehr, gerne auch Neues aus der Buchhandlung lesen würde. Oder wovon er gerne etwas jemandem schenken oder jemandem erzählen würde, wobei dieser und diese wiederum in der Buchhandlung auf Entsprechendes stoßen oder vom kundigen Buchhändler auf Wunderbar-Verwandtes hingewiesen werden könnte. Kurz- und schlussum: Es müsste das Vorhandensein von solchen zusätzlichen Buchangeboten alle daran Interessierten und daraus Schöpfenden schon immun machen gegen jeglichen Aufenthalt in Buchhandlungen, um eine für Buchhandlungen wirklich schädliche Wirkung entfalten zu können – was die soziale Natur des Menschen wie die nach Verbreitung drängende des Buches nicht nahe zu legen scheinen.

Ansgar Weber